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Mit den Lernmethoden von gestern kommen Unternehmen von heute nicht weit. Wenn das Arbeiten agil wird, muss sich auch die Weiterbildung verändern. Sie soll auf das zugeschnitten sein, was Mitarbeiter gerade brauchen, sofort anwendbar und am besten auch noch skalierbar sein.

Die Realität sieht noch anders aus. Wer kennt das nicht? Man kommt inspiriert vom Weiterbildungsseminar. Nach Wochen fragt man sich: Was ist eigentlich vom Gelernten übriggeblieben? Keine Ahnung, man kann sich ja kaum noch an die Inhalte erinnern. Und auch diese Situation kennt wohl jeder: Ein langweiliges Seminar, das einen ratlos und frustriert zurücklässt, weil die vermittelten Inhalte nichts mit dem zu tun haben, womit man sich Tag für Tag herumschlägt.

Wissen ansammeln kann man vergessen

Beide Erfahrungen fussen auf Seminarkonzeptionen, die davon ausgehen, dass sich Wissen einfach von Gehirn zu Gehirn übertragen lässt. Wieso auch nicht – so hat man ja auch in der Schule gelernt. Ganze Generationen wurden nach dem Trichterprinzip abgefüllt. Man glaubte je mehr Wissen die Lehrer in die Gehirne junger Menschen kippen, desto mehr haben sie für ihr späteres Leben zur Verfügung. Doch leider (oder manchmal auch zum Glück) wird das meiste davon gleich wieder vergessen. Lernen ist eine höchst individuelle und eigenwillige Angelegenheit. Bei Erwachsenen funktioniert es nur, wenn das Neue anschlussfähig ist, sich an Erfahrung anknüpfen lässt. „Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit und Sinnhaftigkeit“ sind unerlässlich beim Lernen sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Lernen funktioniert nach seinen Erkenntnissen dann besonders gut, wenn ich damit ein Problem lösen kann, wenn mich eine Sache emotional berührt und wenn ich gemeinsam mit Menschen lerne, zu denen ich eine positive Beziehung aufbauen kann.

Im folgenden es darum, wie agiles Lernen diese Erkenntnisse umsetzt. Die Prinzipien der agilen Frameworks wie Scrum oder Design Thinking lassen sich hervorragend aufs Lernen übertragen. Konsequent angewandt, sorgen sie dafür, dass Menschen leichter lernen, mehr Spaß dabei haben und das Gelernte schnell in die Praxis umsetzen können.

Fünf Prinzipien des agilen Lernens

1 Kleine Teams, große Wirkung

Nicht nur das Arbeiten, auch das Lernen funktioniert am Besten in kleinen, divers zusammengesetzten Gruppen. Divers bedeutet: Jedes Gruppenmitglied hat unterschiedliche Fähigkeiten, Expertise und Erfahrungen, ist aber grundsätzlich in der Lage, zu allen Inhalten etwas beizutragen. Alle sind gemeinsam für den Lernfortschritt des Teams verantwortlich. Sie teilen ihr Wissen und unterstützen sich gegenseitig. Dabei werden Beziehungen aufgebaut. Positive Gefühle unterstützen die Motivation und den Lernerfolg. Anders als in der Schule, wo bei der Kleingruppenarbeit häufig die Cracks die Arbeit machten und der Rest gelangweilt rumsaß, ist das Lernsetting so gestaltet, dass jede und jeder zum Gelingen beiträgt und sich persönlichen Herausforderungen stellt.

2 Schnelles Feedback, zeitnahe Anpassungen

Scrum lehrt uns das Prinzip der schrittweisen Verbesserung, der schnellen Feedbackschleifen und des immer wieder Testens unserer Annahmen. Aufs Lernen übertragen heißt das: Keine langwierigen Inputs, sondern komprimierte, auf einander folgende Veranstaltungen, nach denen das Gelernte sofort angewendet werden kann. Letztens hatte ich das Vergnügen, den Scrum-Erfinder Jeff Sutherland auf einer Veranstaltung sprechen zu hören. Eine Sache war ihm dabei ausgesprochen wichtig: Scrum bedeute das kontinuierliche Ausliefern von Produkten in geringen Zeitabständen. Man hält sich also nicht ewig damit auf, Wissen zu sammeln und zu üben, sondern geht schnell raus in die Praxis, um das Gelernte anzuwenden. Dann kommt es darauf an, aufmerksam für die Resonanz zu sein: Welchen Nutzen konnte ich mit dem neuen Wissen/neuen Kompetenzen bei meinen Kunden (Mitarbeitern) erzielen? Was habe ich versucht, umzusetzen und was hat nicht gut funktioniert? Was brauche ich noch, damit ich bessere Ergebnisse bekomme?

3 Die Lösung kommt von den Lernenden

Traditionelle Lernformen kümmern sich wenig um das, was einzelne gerade brauchen. Deshalb sind sie auch so unbeliebt und hinterlassen so große Kollatoralschäden. Scrum sagt: People over tools and processes. Darum geht es auch beim Lernen. Die Lernenden stehen im Mittelpunkt. Eine gute Trainerin versteht sich als Coach oder Lernbegleiterin. Das klingt vielleicht harmlos, ist aber erstmal sehr ungewohnt für Teilnehmer, wenn die Lösung nicht von der Trainerin serviert wird, sondern selbst erarbeitet werden muss. Es dauert natürlich auch länger. Dafür ist der Effekt viel nachhaltiger. Was man sich einmal selbst erarbeitet hat, das vergisst man nicht so schnell. Lernende in den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet auch: Beziehungen aufbauen, persönliches Feedback geben, Unterschiede wertschätzen und Lernhindernisse erkennen und aus dem Weg räumen.

4 Wissenstransfer klappt nicht eben mal nebenbei

Viele Tätigkeiten sind heute so komplex, dass es unmöglich ist, alles benötigte Wissen jederzeit parat zu haben. Deshalb kommt es darauf an, Menschen Werkzeuge und Arbeitsabläufe an die Hand zu geben, mit denen sie Wissen schnell aufrufen können. Genau so wichtig ist es, sie zu befähigen, Wissen für andere bereit zu stellen. Einmal zu erklären, wie das Wiki befüllt werden kann, wird nicht ausreichen. Vielmehr geht es darum, das Teilen von Wissen und Know-how in die tägliche Arbeit miteinfließen zu lassen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, zu antizipieren, was Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Abteilungen brauchen. In vielen Unternehmen ist dafür gar keine Zeit vorgesehen. Und für was keine Zeit vorhanden ist, das fällt als erstes unter den Tisch. Dabei sollte Wissenstransfer ganz oben auf der To-do-Liste stehen. Das zahlt auch auf die Skalierbarkeit von Produkten oder Dienstleistungen ein.

5 Entspannt lernt es sich besser!

Agil lernen heißt entspannt lernen

Lernen gelingt am besten in entspannter Atmosphäre

Im Grunde passiert Lernen selbstverständlich jeden Tag. Je weniger wir daraus etwas Besonderes machen, desto geringer ist die Hemmschwelle. Gerade beim beruflichen Lernen wird häufig unterschätzt, welche Ängste es auslösen kann: Andere merken, dass ich nicht mal die Grundlagen von Excel beherrsche, wenn ich mich zu diesem Kurs anmelde… Ich könnte einen grammatikalischen Fehler machen, wenn ich Englisch spreche… Wenn ich am Rhetorik-Kurs teilnehme, werde ich dort eine Rede halten müssen… Ich bin zu blöd, eine Programmiersprache zu lernen… Diese Ängste sind da und sie sind mächtig, gerade weil sie nicht ausgesprochen werden. Deshalb ist eine gesunde Fehlerkultur unerlässlich. Wenn Mitarbeiter sich ausprobieren dürfen, wenn sie sich ermutigt und persönlich wertgeschätzt fühlen, sind sie auch bereit, Risiken einzugehen.

Mit diesen fünf Prinzipien ist die Liste des agilen Lernens natürlich weder vollständig noch abgeschlossen. Doch vielleicht sind sie ein erster Schritt, das Lernen im Unternehmen agiler zu gestalten. Wir freuen uns über die Unternehmen, die wir dabei unterstützen dürfen.

Fotos: Dylan Gillis auf unplash, Norman Posselt

 

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